Modul 2 – Ökosystem Hochschule: Ursprünge, Aufbau und Organisation

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Modul 2 – Ökosystem Hochschule: Ursprünge, Aufbau und Organisation 2018-10-04T07:58:53+00:00

Einführung und Kompetenzziele

Trotz zahlreicher struktureller und funktioneller Berührungspunkte auf Grund eines gemeinsamen europäischen Erbes verweist das aktuelle Hochschulwesen in Deutschland und Frankreich auf jeweils kulturspezifische Entwicklungsprozesse und historische Herausforderungen. Diese haben die Herausbildung der Hochschulsysteme auf beiden Seiten des Rheins entscheidend geprägt und erweisen sich als grundlegend für das Verständnis der jeweiligen akademischen Kulturen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Beides, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, haben als nationale Besonderheiten und „Eigentümlichkeiten“ des deutschen und französischen Hochschulsystems Auswirkungen auf die gegenseitige Wahrnehmung und führen bei Studierenden im Rahmen eines Auslandsaufenthaltes nicht selten zu Unverständnis und Befremdung.
Modul 2 wird Sie deshalb mit den wichtigsten Merkmalen der historischen Entwicklung des deutschen und französischen Hochschulsystems sowie der dahinter stehenden Bildungskonzepte vertraut machen.

Kompetenzziele

Nach dem Absolvieren von Modul 2 werden Sie dazu in der Lage sein:

  • die Grundlagen und Merkmale des deutschen und des französischen Hochschulsystems in Bezug auf Struktur, Aufbau und Organisation zu benennen und zu erläutern

  • die deutsche und französische Universitätskultur aus dem jeweils eigenen historischen Kontext differenziert zu beurteilen und zu verstehen

Die europäische Universität

– Wiege des deutschen und französischen Hochschulsystems

Ursprünge und Ideale

Die Ursprünge des modernen Hochschulsystems in Deutschland und Frankreich liegen in der Entstehung der ersten europäischen Universitäten im Mittelalter. In beiden Ländern zählten seit dem 13. Jahrhundert die Vermittlung und Produktion von Wissen sowie die Bildung geistlicher Eliten zu den wesentlichen Funktionen der Universitätskultur. Die Gründungen der ersten Universitäten sowohl in Frankreich(Paris, 1215) als auch in Deutschland (Heidelberg, 1386), aber auch in anderen europäischen Ländern sind in diesem Kontext zu sehen.
Lehre und Forschung, also gleichermaßen die Erzeugung und die Weitergabe von Wissen, wurden als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet; als zusammengehörige Elemente, die eine Einheit bildeten, die es schrittweise zu erweitern und zu verbessern galt.

Katholische Kirche und Reformation

Die Erschließung neuen Wissens als Ideal, das der Universitätsgründung einst zugrunde lag, wurde jedoch im Laufe des Mittelalters unter dem Einfluss der katholischen Kirche zunehmend zurückgedrängt. Das universitäre System beschränkte sich zum damaligen Zeitpunkt weitgehend auf die Verbreitung bestehender Dogmen, die der Öffnung hin zu neuen Wissensgebieten diametral entgegenstand. Erst im Zuge der Reformation und der damit verbundenen Gründung protestantisch geprägter Universitäten in Deutschland, wie z. B. in Göttingen und Halle, wurde der einstige Gründungsgedanke wieder erneuert, während die katholischen Universitäten jedoch weiterhin in der dogmatischen Lehre verharrten.
Zusätzlich weitete sich die anfänglich ausschließlich klerikale Elitenbildung, eine der wesentlichen Funktionen der Universitäten, auf alle gesellschaftlichen  Bereiche aus, in denen die Integration neuer Wissensbereiche und die Ausbildung neuer Funktionseliten (Verwaltung, Rechtsprechung, etc.) notwendig wurde.

Krise der Hochschulen im 18. Jahrhundert

Der überwiegend gemeinsame Weg der universitären Systeme in Deutschland und Frankreich endete im 18. Jahrhundert mit der Krise der Hochschulen, die unmittelbar aus den Ansprüchen aufklärerischen Denkens resultierte:
Die Universitäten waren, so die öffentliche Wahrnehmung in beiden Ländern, nicht mehr in der Lage gesellschaftsrelevantes Wissen zu vermitteln, das von praktischer Verwendbarkeit war sowie zum vernunftgeleiteten Fortschritt der Menschheit beitragen konnte. So wurden zahlreiche Universitäten in Deutschland geschlossen, während sich die Krise in Frankreich insbesondere in der stark abnehmenden Studierendenzahl niederschlug.
Beide Länder reagierten auf diese Krise ihrer universitären Systeme auf ganz unterschiedliche Weise und entwickelten sich von nun an im Hinblick auf grundlegende Strukturen und dem vorherrschenden Bildungskonzept in verschiedene Richtungen.

Meilensteine des europäischen Hochschulwesens

1088

1088

Universität Bologna

1215

1215

Universität Paris

Ursprünge der europäischen Universitäten im 13. Jahrhundert

1386

1386

Universität Heidelberg

1455

1455

Erfindung des Buchdrucks

Mittelalter und Einfluss der katholischen Kirche

(Verbreitung reiner Dogmen)

1517

1517

Luthers Thesenanschlag

an der Schlosskirche zu Wittenberg

1529

1529

Reichstag zu Speyer

1598

1598

Editkt von Nantes

Reformation und Erneuerung der Gründungsgedanken durch den Protestantismus

1781

1781

„Kritik der reinen Vernunft“

Emmanuel Kant

1789

1789

Französische Revolution

Krise der Hochschulen im 18. Jahrhundert

Meilensteine des europäischen Hochschulwesens

1088

Universität Bologna

1215

Universität Paris

Ursprünge der europäischen Universitäten im 13. Jahrhundert

1455

Erfindung des Buchdrucks

1386

Universität Heidelberg

Mittelalter und Einfluss der katholischen Kirche

(Verbreitung reiner Dogmen)

1455

Luthers Thesenanschlag

an der Schlosskirche zu Wittenberg

1529

Reichstag zu Speyer

1598

Edikt von Nates

Reformation und Erneuerung der Gründungsgedanken durch den Protestantismus

1781

„Kritik an der Vernunft“

Emmanuel Kant

1789

Französische Revolution

Krise der Hochschulen im 18. Jahrhundert

Die Neugründung der deutschen Universität

und das Humboldtsche Bildungsideal

Die deutsche Reaktion auf die Krise – Wilhelm von Humboldt

Auf die Krise der Hochschulen im 18. Jahrhundert reagierte man in Deutschland mit der Neugründung zahlreicher Universitäten, die auf einem neuen, 1809 von Wilhelm von Humboldt an der Berliner Universität entwickelten Konzept beruhten. Dieses „Berliner Modell“ orientierte sich an der Forderung nach der Nützlichkeit des Wissens (heute würde man vielleicht von Praxisorientierung oder „Employability“ sprechen!) und führte dazu, dass fortan die Einheit von Lehre und Forschung als zentrales Merkmal der Universitäten betrachtet wurde. Als Bildungsideal rückte nun der Mensch als forschende Einzelpersönlichkeit in den Mittelpunkt. Durch die universitäre Ausbildung sollte er lernen, unabhängig zu denken und reflektierend Wissen zu verarbeiten. Der Begriff der Bildung ist in diesem Sinne als individueller Prozess zu verstehen, der auf Selbstreifung und Eigenverantwortlichkeit abzielt.

Erzieher_innen und Hochschullehrer_innen leisten in erster Linie Hilfestellung bei der Entwicklung der eigenen (forschenden) Persönlichkeit der Studierenden, die bestehendes Wissen kritisch beleuchtet und die nach Erweiterung der verschiedenen Wissensgebiete strebt.

Das Individuum im Zentrum

Strukturell und organisatorisch setzte dieses Verständnis von Bildung als individueller Vorgang ein autonomes Handlungsfeld ebenso voraus wie ein ganzheitliches, breit angelegtes Wissenschaftsverständnis, dessen Grundlage u. a. der ständige Kontakt unterschiedlicher Disziplinen ist.

Der deutsche Begriff der „Bildung“ lässt sich somit nur schwer übersetzen und steht als integratives Konzept immer in Bezug zur allgemeinen menschlichen Erkenntnis, die sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Wissensgebiete ergibt. Schlagworte wie Selbstreifung, Selbsterfahrung, Reifeprüfung, persönliche Entwicklung, Kooperation des Individuums mit der Gemeinschaft, intrinsische  Motivation, Selbstbestimmung… sind deshalb kennzeichnend für das deutsche Verständnis von „Bildung“, das weitgehend von der Philosophie des deutschen Idealismus geprägt ist. Begriffe wie Spezialwissen, Spezialhochschulen, Ausbilden statt Bilden… lassen sich folglich als kontrastive Elemente in Abgrenzung zu  diesem Berliner Modell anführen.

Aufgabe

The mission of Harvard College

Nachfolgend finden Sie einen Auszug von der Homepage des berühmten Harvard College in den USA. Lesen Sie den Text.
Welche Elemente verweisen auf das Berliner Modell?

Mission, Vision and History

The mission of Harvard College is to educate the citizens and citizen-leaders for our society. We do this through our commitment to the transformative power of a liberal arts and sciences education.

Beginning in the classroom with exposure to new ideas, new ways of understanding, and new ways of knowing, students embark on a journey of intellectual  transformation. Through a diverse living environment, where students live with people who are studying different topics, who come from different walks of life and have evolving identities, intellectual transformation is deepened and conditions for social transformation are created. From this we hope that students will begin to fashion their lives by gaining a sense of what they want to do with their gifts and talents, assessing their values and interests, and learning how they can best serve the world.

Vision

Harvard College will set the standard for residential liberal arts and sciences education in the twenty-first century. We are committed to creating and sustaining  the conditions that enable all Harvard College students to experience an unparalleled educational journey that is intellectually, socially, and personally  transformative.

Musterlösung

Das republikanische Bildungsmodell in Frankreich

Reformbestrebungen in Frankreich

Die Antwort Frankreichs auf die Krise der Universität im 18. Jahrhundert bestand im Wesentlichen aus der Gründung von Spezialhochschulen für verschiedene  Bereiche wie Bergbau, Architektur, Brücken und Straßenbau (z. B. die noch heute bestehende École des Ponts et Chaussées, gegründet 1747). Mit der damit umgesetzten Ausrichtung auf praktische gesellschaftliche Bedürfnisse und insbesondere der durch Napoleon zwischen 1806 und 1808 gegründeten Université Impériale ging eine grundlegende strukturelle Reform einher, die sich auf das gesamte Bildungssystem bezog (enseignement primaire, secondaire, supérieur).
Grundlegende Prinzipien der republikanischen Universität wie Laizität, Egalität, aber auch Zentralismus, Meritokratie und Selektion der Besten nach national normierten Kriterien entstanden dann im Wesentlichen nach und nach im Kontext der Reformen der 3. Republik am Ende des 19. Jahrhunderts.

Zentrale Strukturmerkmale der Reformen

Zwei Merkmale wurden insbesondere durch die napoleonischen Reformen begründet: Erstens die zentralistische Verwaltung und zweitens die staatliche Abhängigkeit der Universitäten.
Mit dem Gesetz vom 10. Juli 1896 wurde eine weitere grundlegende Reform der französischen Universität während der 3. Republik eingeleitet. Neben der erwähnten Zentralisierung der Verwaltungsstrukturen wurde Frankreich in 30 académies (Verwaltungseinheiten) eingeteilt, jeweils mit einem recteur an der Spitze. Die académies gehören jede zu einer der 17 régions académiques, welche den seit Januar 2016 reformierten Verwaltungsregionen Frankreichs entsprechen. Die Universitäten selbst bestanden aus vier Fakultäten:
Médecine, Droit, Sciences und Lettres.

Geistes- vs. Naturwissenschaften

Obwohl das deutsche Modell, v. a. in Bezug auf die Autonomie der Universitäten und den Status der Forschung, von den französischen Reformer_innen durchaus als Vorbild betrachtet wurde, ließen sich Ansprüche wie eine gewichtigere Rolle der Forschung im Universitätsbetrieb sowie der Ruf, alle Wissenschaftsdisziplinen gleichwertig im universitären System zu verorten, nicht umsetzen.
Dies lag vor allem in den philosophischen Grundlagen der beiden unterschiedlichen Systeme begründet: Während in Deutschland den Geisteswissenschaften eine übergreifende, die anderen Disziplinen verbindende Rolle zugewiesen wurde, galt in Frankreich vor allem den Naturwissenschaften der Vorrang. Tendenziell wurde deshalb der Mathematik und den Naturwissenschaften ein wichtigerer Status zugesprochen.

Umsetzung der Reform

In der Praxis gelang es den Reformer_innen Ende des 19. Jahrhunderts nicht, die verschiedenen Disziplinen und Fakultäten als Einheit zu bündeln. Die naturwissenschaftliche Methodologie, ursprünglich als übergreifender Integrationsfaktor aller Disziplinen angedacht, konnte nicht verhindern, dass die einzelnen Fakultäten in Konkurrenz zueinander auftraten. Zentrale Instanz war somit die Fakultät; es entstand eine „République des facultés“, die heute noch in der umgangssprachlichen Wendung „Je vais à la fac.“ („Ich geh‘ an die Uni.“) wahrnehmbar ist.
Weiterhin standen der Freiheit von Lehre und Forschung in Frankreich nicht nur die zentralistischen Verwaltungsstrukturen entgegen, sondern auch die republikanischen Bildungsideale, wonach die Republik und die Bildung eine Einheit bilden sollten, um sowohl das Individuum, als auch die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Ziel der éducation, auch und gerade an den Hochschulen, war (und ist) deshalb, den/die Bürger_in im Interesse der Nation zu formen. Als gesellschaftlich bestimmter Prozess zielt die éducation somit auch auf die Chancengleichheit für alle ab.

Einfluss des Jesuitentums

Entscheidenden Einfluss auf das französische Bildungsmodell hatte auch das Jesuitenkolleg des 17. und 18. Jahrhunderts, das aus der Gegenreformation entstanden war. Phänomene wie die Ganztagsschule, das französische internat (dem eine viel breitenwirksamere Funktion zukommt als seinem deutschen,
eher elitären Pendant), aber auch die schulische Disziplin und das ausgeprägte Wettbewerbsverhalten unter den Schüler_innen, die sog. émulation, sowie die Betonung systematischer und logischer Arbeitsweisen verweisen auf die jesuitischen Prinzipien. Ursprünglich auf das Jesuitenkolleg und das lycée beschränkt, wurden sie auf das gesamte Bildungssystem ausgeweitet und auch nach der endgültigen Trennung von Staat und Kirche (1905) beibehalten.
Wie groß das Wirken der Jesuitenschule auf die französische Gesellschaft war, ist heute noch z.B. in der Bedeutung der Rhetorik und kultivierten Hochsprache in Frankreich, den Anredeformen madame/mademoiselle/monsieur oder der Wichtigkeit formaler Höflichkeit zu spüren.

Die aktuelle Karte der 17 régions académiques, der 26 académies des Hexagons und der vier académies der Überseedepartements

Innerhalb der 17 régions académiques ist Frankreich unterteilt in 26 académies im Mutterland Frankreich und vier académies in den Überseedépartements. In Mayotte und den restlichen Überseegebieten ist eine eigene Unterabteilung („vicerectorat“) eines Schulaufsichtsbezirkes oder eine Dienststelle des nationalen Bildungsministeriums, der Education Nationale, zuständig.
In jeder région académique wird unter den recteurs der Region ein recteur de région académique ausgewählt.

Karte

Quelle:

Quelle: Ministère de l’éducation nationale, de l’enseignement supérieur et de la recherche
http://cache.media.education.gouv.fr/file/Le_systeme_educatif/14/0/2015_reforme_territoriale_511140.pdf

[Stand:16.02.17].

Konsequenzen für das deutsche und französische Hochschulsystem

Die Konsequenzen, die sich aus der unterschiedlichen historischen Entwicklung der Hochschulsysteme in Deutschland und Frankreich sowie den unterschiedlichen Bildungskonzepten ergeben, lassen sich insbesondere im Vergleich der beiden Erziehungssysteme ablesen.

Deutsche lernen in ihrem Erziehungssystem eher Gemeinschaftsdenken. Zugespitzt könnte man sagen, dass Autoritäten tendenziell hinterfragt, Regeln und Gesetze dagegen eher respektiert werden. Man ist bestrebt, Informationen gründlich zu verstehen. Diskussionen und kritisches Nachfragen im Studium und am Arbeitsplatz sind ebenso Teil des Lernprozesses, wie genaues Planen und vorausschauendes Denken, um Stress und Druck zu vermeiden. Ziel ist es jeweils, die beste Lösung zu finden und Präsentationen mit Sachkompetenz darzustellen.

Analog dazu könnte man sagen, dass Franzosen und Französinnen dagegen früh ein ausgeprägtes Wettbewerbsdenken lernen. Im Gegensatz zu Deutschen werden in Frankreich – etwas pauschal formuliert – Gesetze und Regeln eher hinterfragt, während Autoritätspersonen respektiert werden. Im Arbeitsprozess ist die schnelle Aufnahme von Informationen entscheidend. Franzosen und Französinnen lernen deshalb frühzeitig unter Druck zu arbeiten und Ideen zu strukturieren. Anstatt eine Lösung zu finden, werden Alternativen ausgearbeitet. Bei Präsentationen spielt die Form der Darstellung häufig eine wichtige Rolle.

Aufgabe

Das deutsche und französische Bildungssystem

Sie haben bereits zentrale Aspekte, Grundbegriffe und Wertvorstellungen, auf denen das deutsche und französische Bildungskonzept basiert, kennengelernt. Diese Übung zielt darauf ab, wesentliche Spezifika der beiden Bildungssysteme einander gegenüberzustellen.
Ordnen Sie die nachstehenden Begriffe dem jeweiligen Land zu, indem Sie sie in das entsprechende Feld ziehen.

Wettbewerb(F); Protestantismus(D); Systematisches und logisches Denken(F); Gesetze und Regeln hinterfragen, Autorität respektieren(F); Geformt werden(F); Gemeinschaftsdenken(D); Kreatives Denken(D); sich formen(D); Jesuitentum(F); Intrinsische Motivation(D); Autorität hinterfragen, Gesetze und Regeln respektieren(D); Extrinsische Motivation(F)
Auswerten

Gemeinsame Herausforderungen

Insbesondere seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen sowohl Frankreich als auch Deutschland vor ähnlichen Herausforderungen und Problemen, die sich aus dem jeweils eigenen System, aber auch aus Entwicklungen ergaben, die beide europäische Länder betrafen.

Zunächst war es die demographische Entwicklung in der Nachkriegszeit, die die Universitäten beider Nationen seit Ende der fünfziger Jahre vor Herausforderungen im Hinblick auf die steigende Studierendenzahl stellte.
Wirtschaftswachstum und technischer Fortschritt führten zu einem zunehmenden Bedarf an naturwissenschaftlich und technisch gut ausgebildeten Fachkräften sowie zu inhaltlichen Veränderungen des Bildungswesens. Damit ging letztlich auch eine gewisse Abwertung der geisteswissenschaftlichen Fächer einher.

Schließlich veränderte sich auch die soziale Zusammensetzung der Studierenden. Nach der 68er-Bewegung, die in beiden Ländern eine gewisse Demokratisierung der universitären Strukturen zur Folge hatte, öffneten sich die Hochschulen v. a. seit den 70er und 80er Jahren auch nichtbürgerlichen Schichten. Demokratisierung und Ausbau des Hochschulwesens waren in beiden Ländern die Reaktion auf quantitative, inhaltliche und soziale Veränderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Bologna-Prozess

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Bologna-Prozess

Der 1999 eingeleitete Bologna-Prozess ging eine Stufe weiter und zielte auf eine weitgehende Angleichung der nationalen Hochschulstrukturen in Europa ab. Mit der zunehmenden Anerkennung von Lehrveranstaltungen und Prüfungsleistungen sowie Hochschulabschlüssen (BA/MA in Deutschland bzw. LMD in Frankreich) lässt sich eine weitgehende Homogenisierung der europäischen Hochschulsysteme beobachten. Diese sind jedoch weiterhin von nationalspezifischen Erfahrungen geprägt und lassen sich nach wie vor in ihren akademischen Lehr- und Lernkulturen deutlich voneinander abgrenzen.

Strukturunterschiede heute

Unterschiedliche Bildungskonzepte, spezifische historische Entwicklungen, insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert, und die gesellschaftlichen Umwälzungen der Nachkriegszeit haben in Deutschland und Frankreich prägend gewirkt. Als länderspezifische Erfahrungen kennzeichnen sie heute als implizite und explizite Normen und Wertvorstellungen die strukturellen Gegebenheiten der gegenwärtigen Hochschullandschaft, die nachfolgend überblicksartig dargestellt werden.

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Aufgabe

Das deutsche und französische Hochschulwesen

Was haben Sie bisher über das deutsche und französische Hochschulwesen und seine Strukturen gelernt?

Frage 1

Welche Institution/-en in Deutschland entspricht/ entsprechen
dem Ministère de l’Éducation Nationale in Frankreich?

a) Die Kultusministerien der Bundesländer
b) Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
c) Die Kultusministerkonferenz (KMK)
d) Keine der drei Institutionen

Frage 2

Welcher Hochschulabschluss bzw. akademischer Grad entspricht in Frankreich hinsichtlich
seiner sozialen und gesellschaftlichen Anerkennung dem deutschen Doktortitel?

a) Ein einfacher Universitätsabschluss wie z.B. eine maîtrise oder ein master ist in Frankreich bereits hoch angesehen und entspricht dem deutschen Doktor.
b) Der französische docteur ist hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Stellung das Äquivalent des deutschen Doktors.
c) Es gibt in Frankreich kein Äquivalent. Alle Hochschulabschlüsse genießen innerhalb der verschiedenen Disziplinen das gleiche Renommee.
d) In Frankreich entspricht der Abschluss an einer der renommierten Grandes Écoles mit der entsprechenden Bezeichnung der Person als „ancien élève de + Name der Grande École“ am ehesten dem gesellschaftlichen Ruf eines promovierten Akademikers.

Frage 3

Zwei wichtige Elemente des deutschen und französischen Bildungssystems sind „Forschung“ und „Lehre“.
Wie gestaltet sich ihre Verankerung im französischen Hochschulsystem?

a) Beides, Forschung und Lehre, sind wie in Deutschland feste Bestandteile des Aufgabenspektrums der Universitäten in Frankreich.
b) Der Großteil der Forschungstätigkeit in Frankreich konzentriert sich im Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). Die Lehre ist dagegen Aufgabe der Universitäten, der Grandes Écoles und anderer Hochschultypen.
c) Neben der Ausbildung von Frankreichs Elite-Absolvent_innen, vereinen die Grandes Écoles auch die gesamten Forschungsaktivitäten auf sich. Der CNRS spielt dabei eher eine marginale Rolle.
d) Das Collège de France, die École Pratique des Hautes Études, die École des Hautes Études en Sciences Sociales und das Pariser Institut de France sind die zentralen Forschungseinrichtungen in Frankreich.

Die deutsche und französische Hochschullandschaft

Die kulturspezifischen historischen Entwicklungen des Hochschulwesens und die ihm zugrunde liegenden unterschiedlichen Bildungskonzepte haben zur Folge, dass das deutsche und das französische Hochschulsystem in struktureller und funktioneller Hinsicht unterschiedlich aufgebaut sind. In beiden Ländern haben sich jeweils eigene Hochschultypen entwickelt, die sich auch im Hinblick auf ihre soziale Anerkennung deutlich unterscheiden. Im Folgenden erhalten Sie einen kurzen Überblick über die verschiedenen Arten deutscher und französischer Hochschulen sowie über die entsprechenden Charakteristika und Unterschiede.
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Unterschiedliche historische Entwicklungen

und verschiedene Bildungskonzepte

Nach dem Absolvieren von Modul 2 können Sie nun

  • die Grundlagen und Merkmale des deutschen und des französischen Hochschulsystems in Bezug auf Struktur, Aufbau und Organisation nennen und erläutern

  • die deutsche und französische Universitätskultur aus dem jeweils eigenen historischen Kontext differenziert beurteilen und verstehen.

Das folgende Modul 3 führt Sie nun in die Gliederung der Wissensbereiche und Disziplinen an deutschen und französischen Hochschulen ein. Außerdem behandelt es inhaltliche und strukturelle Aspekte über die unterschiedlichen Studiengänge und Studienfächer in beiden Ländern.